die kolumnen

Seit etwa 30 Jahren schreibe ich regelmäßig Kolumnen in Hamburger Magazinen. Sie sind legendär. Und zutiefst demokratisch. Hier eine sehr kleine Auswahl. 

Unsere Demokratie lebt von Vielfalt und Diskurs der Meinungen. Aus dieser Vielfalt der Ideen bilden sich Mehrheiten und daraus ein gesellschaftlicher Konsens. Sehr klar! Doch das ist Theorie. Aktuell werden "abweichende" Meinungen vom Mainstream diskriminiert. Meine Großeltern berichteten mir von ähnlichen Ereignissen 1933 in Deutschland. Auch ich wurde eingeschüchtert, der Verlag unter Druck gesetzt, ja sogar bedroht. Man wollte mich – insbesondere weil ich eine große Reichweite und Leserschaft habe – zum Schweigen bringen. Was uns in diesem Land als Vielfalt und Toleranz verkauft wird, gilt nur für eine Richtung. Wer sich kritisch zu unkontrollierter Zuwanderung, Corona-Maßnahmen, globaler Erhitzung, Islamismus oder Waffenlieferungen an die Ukraine äußert, kann es mit inzwischen totalitären Reaktionen des Staates zu tun bekommen - und das macht Angst. Bis auf weiteres ist meine Stimme verstummt...  


Zu viele!

August 2022

Verhüten für das Klima!“ Upps, haben Sie sich soeben verlesen? Ist das erst gemeint? 

Die Begründung ist in der Wissenschaft zu finden, nicht in der Politik oder der Satire! Aber der Reihe nach. Unser Planet hat ein riesiges Problem: Das ist der Mensch. Also nicht einer, sondern als Heuschreckenplage! Um 1800 herum bestand die Menschheit aus einer Milliarde. Null Problemo.

Jetzt sind wir acht Milliarden. Der Mensch vermehrt sich derzeit so stark, dass jährlich 85 Millionen hinzukommen. Also in den kommenden 12 Jahren noch ´ne Milliarde. Während die Population von Berggorillas sinkt. Derzeit gibt es nur noch 500 dieser wunderbaren Spezies. 

Das Bevölkerungswachstum ist allerdings unterschiedlich verteilt. Nun könnten sie sagen, dann sollen doch die Nigerianer verhüten oder die Inder! Geht nicht, weil das zutiefst rassistisch ist! Schließlich sind weiße Babys nicht besser als schwarze oder gelbe. Wir müssen also unseren Freunden mit ihren Lastenfahrrädern und ihren süßen Kindern zuflüstern, die sie zur Kita radeln: Das könntet ihr auch mit dem Auto tun. Das Problem ist der kleine Mensch, den ihr dabei habt.

Anders erklärt: Unser wunderbarer blauer Planet besteht außen zu 71 Prozent aus Wasser. Wir sind aber keine Fische! Also verbleibt den bald 10 Milliarden Menschen nur der Rest von 29 Prozent zum Leben. Falsch! Denn in den Wüsten, im Himalaja oder der Artis können wir nicht leben. Es bleiben also noch circa 10 Milliarden Hektar Land, die wir uns mit den vielen anderen wunderbaren Lebewesen teilen müssen. Und diese paar Hektar müssen uns auch ernähren – inklusive der übermäßig angewachsene Zahl von Nutztieren, Rindern, Ziegen, Hunden, Schweinen. Das sind zusammen 82 Milliarden. Fast alle für die Speisekarte des Menschen! Hinzu kommt, dass lediglich drei Prozent der riesigen Menge Wassers unseres blauen Planeten Süßwasser sind. Und ein edles Pils aus Salzwasser schmeckt eben nicht jedem.

Wird die ökologische Tragfähigkeit überschritten, führt das zu einem dramatischen Verlust der Biodiversität, unserer Lebensgrundlage. Hunderttausende Arten sterben, um die Unmengen an Monokultur Mensch zu ernähren und ein gutes Leben zu sichern. Darum gilt: verhüten! 

Sind es bestimmte Religionen, die so viele Kinder befürworten? Natürlich, die Christen! Für die Katholiken gilt noch das päpstliche Verbot künstlicher Empfängnisverhütung. In der Enzyklika „Humanae vitae“ vor 50 Jahren haben das Papst und Kirche klargemacht. Doch auch Muslime lieben die Fruchtbarkeit. Schon 2017 titelte die F.A.Z. mit der Sorge, dass sich der Anteil der Muslime in Deutschland bis 2050 verdoppeln könnte. Die weltweit am schnellsten wachsende muslimischen Länder sind Indonesien, Pakistan, Bangladesch oder Nigeria. Aus den vielen, vielen süßen Babys werden viele, viele Menschen, die sich ein gutes und langes Leben nach ihrem eigenen Geschmack wünschen.

Nun will ich keinesfalls, dass Sie gleich an „Klimaleugner“ denken, wenn Ihnen ein Paar mit Kinderwagen begegnet. Nein! Auch nicht, wenn viele Kinder dabei sind, alle dunklere Hautfarbe haben und die Frauen Kopftücher tragen. Nein!

Eines aber bleibt: Wer Klimaschutz wirklich ernst nimmt, der weis: Liebt euch viel und lustvoll – aber verhütet für das Klima!


VERMÖGENS FALLE

Juli 2022

Viele Menschen verzweifeln: Wird ihnen doch immer deutlicher, ihre Renten
werden irgendwann nicht mehr bezahlbar sein. Denn: Immer weniger
Erwerbstätige stehen unzähligen Leistungsempfängern
gegenüber. Nur 18 Millionen in dieser Gesellschaft verdienen,
der gesamte Rest lebt davon, dass sie morgens zur fahren Arbeit.
Es wirkt schon etwas kurios: Überall
herrsche Personal- und Fachkräftemangel,
sagen mir meine Freunde aus der
Wirtschaft. Sie alle suchen Leute. Und nicht nur IT-Experten,
ebenso Köche, Servicekräfte, Klempner oder Pflegekräfte. Wo
sind die eigentlich alle? Sagenhafte 5,32 Millionen Menschen in
Deutschland beziehen nach offiziellen Daten derzeit Hartz IV. Das
sind fast 6,5 Prozent der Gesamtbevölkerung. Nach dem Asylbewerberleistungsgesetz
beziehen 383.000 „Regelleistungen“, insgesamt
4,1 Milliarden Euro. Für Bildung und Teilhabe erhielten 74.000
von ihnen weiteres Geld. Einiges soll jetzt geändert werden: Der
angeblich verunglimpfende Begriff „Hartz 4“ wird umbenannt in
„Bürgergeld“. Schon jetzt sind vielfach die staatlichen Leistungen
(inklusive Wohngeld, Strom, Gas) für Nichtstun höher, als der
Verdienst jener, die jeden Morgen zur Arbeit fahren. Arbeiten lohnt
sich nicht mehr in den unteren Lohngruppen.
Renteneinzahler dringend gesucht! Auch die junge Generation
drängelt nicht mehr um Arbeitsplätze. Das Sabbatical, Auszeiten,
Urlaubstage und der Kickerspieltisch nehmen immer mehr Raum
im Vorstellungsgespräch ein.
Da die Politik die Probleme der Renten seit Jahren kennt, riet man
zur privaten Alters-Vorsorge. Aktien, Wertpapiere zum Beispiel.
Doch die bittere Erfahrung: Viele Depots sind auf die Hälfte ihres
Wertes geschrumpft, was bei steigender Inflation so manchem
den Angstschweiß auf die Stirn treibt. Anlageberater und Politiker
zucken mit den Schultern.
Das Einzige, was im Preis stabil zu sein scheint, sind Immobilien,
speziell Wohnungen in den Ballungsräumen. Wer eine hat, ist auf
der sicheren Seite. Doch das sind in Mieterdeutschland nur wenige.
Denn Wohnungseigentum wurde nie gefördert. Wie zum Beispiel
in Singapur, wo der Staat seit Jahrzehnten jungen Familien eine
Wohnung vorfinanziert, die sie im Laufe der Jahre abbezahlen. Ihren
Lebensabend können sie dann mietfrei genießen. Wie oft habe ich für
dieses Modell geworben und mir stets eine blutige Nase geholt. Warum
wollte man dieses Modell der Vermögensbildung und Sicherung vor
Altersarmut nicht? Warum freut man sich lieber über Mietervereine
und schürt den Hass gegenüber „Miethaien“? Die Antwort ist ebenso
zynisch wie fatal und menschenverachtend: Linke Parteien brauchen
abhängige Mieter. Werden sie irgendwann zu Wohnungseigentümern,
verlieren sie ihre wertvolle Hilfsbedürftigkeit. Dann sind Sie politisch
verloren. Aber es kommt noch absurder: Statt Wohnungseigentum zu
fördern, behindert man diesen Prozess. Und wenn der Hamburger CDU
Chef Christoph Ploß aktuell eine Minderung der Grunderwerbsteuer
für den Ersterwerb einer Wohnung fordert, ist das brav. Richtig wären
null Prozent! Aktuell sollen die Hamburger ab dem kommenden
Jahr an den rot-grünen Senat 5,5 Prozent Strafsteuer zahlen, wenn
sie Mietfallen und Altersarmut entkommen wollen. Mieterrepublik
Deutschland. Der europäische Vergleich der Haushaltsnettovermögen
beweist diesen Satz: Spanier und Italiener sind deutlich vermögender
als wir. Sie sind Eigentümer statt Mieter!
Es ist also düster für viele viele Menschen in diesem Land, die ein
Leben gearbeitet haben und sich nun als Verlierer sehen. Und die
besonders Klugen lernen daraus: Arbeiten lohnt sich nicht mehr!


BEVORMUNDUNG GROSSGESCHRIEBEN

Juni 2022

Wohin treibt die Ampel diese Gesellschaft? Viele blicken mit Sorge auf eine zunehmende Bevormundung. Dabei lehrt uns die Geschichte, dass die schlechteste Politik in jenen Epochen exerziert wurde, in denen Politiker Menschen vorschrieben, wie sie zu leben, zu denken und was sie zu glauben hätten. Stets gaukelten diese Politiker ihrem Volk vor, es besser zu wissen. Noch schlimmer waren jene, die tatsächlich von sich glaubten, sie seien die guten Hirten, die den blöden Schafen den Weg zu zeigen hätten.

In meinem aktuellen Buch erinnere ich mich im Detail an die Sicht meiner Lehrer. Auch sie wussten genau, was für mich und mein Leben das Richtige sei. Glücklicherweise habe ich exakt das Gegenteil getan und mich so auf einen wunderbaren Lebensweg begeben. Frei und selbstbestimmt. Doch bei wie vielen anderen hatten sie „Erfolg“?

Welchen Politikstil bezeichnen wir als bevormundend? Hitler, Stalin, Honecker oder Pol Pot haben eine Blutspur und schwere Verwerfungen hinterlassen. Nun sind „Rot-Grün“ und der kleine gelbe Tupfer der Ampel damit nicht vergleichbar. Dennoch ist die Gefahr virulent, von ähnlichen Irrlichtern geführt zu werden. Besonders in diesem Land.

Zahllose Beispiele stehen im Raum. Eines der Irrlichter war der Biosprit: Es gab besonders fortschrittliche Grüne, die tatsächlich glaubten, die Welt und das Klima zu retten, indem sie Lebensmittel zu Benzin (Bioethanol / E10) machen. Andere glaubten ernsthaft, ein bedeutendes Vorbild für die Welt zu sein, wenn sie alle Kernkraftwerke stilllegten. Ergebnis: Einmal mehr machten sie uns zur internationalen Lachnummer, der kein Land folgt. Wenn wir dann noch aus moralischen Gründen glauben, kein Russengas oder Öl mehr beziehen zu sollen, dann lachen circa 4 Milliarden Chinesen, Inder und Indonesier und selbst Afrikaner. Das ist alles.

Sind wir Deutschen besonders anfällig für solche Irrlichter? Ein Blick in unsere Geschichte lässt nichts Gutes ahnen. Die bitteren deutschen Sonderwege begannen stets mit idealistischen Politikern. Und stets wurden sie getragen von willfährigen Journalisten, die für ein paar marginale Vorteile die Wahrheit verrieten. Die Kollegen vom „Fernsehen der DDR“ zum Beispiel konnten einmal pro Jahr mehr an den Plattensee reisen, das reichte ihnen schon, um die Bevölkerung 40 Jahre lang zu belügen.

Deutsch ist nicht nur Deutschland, sondern in Grenzen auch die Schweiz. Warum geht die Schweiz erfolgreich einen so anderen Weg, den der selbstverantwortlichen und stets mitentscheidenden Gemeinschaft. Brauchen die deutschen Deutschen immerfort einen Führer oder einen der Führung verspricht? Während die Schweizer per Volksabstimmungen gestalten.

Hat Freiheit so wenig Wert in Deutschland, weil sie Selbst- und Mitverantwortung fordert? Ist es doch so viel bequemer, sich bevormunden zu lassen, weil dann andere verantwortlich sind für mein Lebensdilemma? Die letzte Wahl in Hamburg lässt nichts Gutes erahnen. Die meisten scheinen mehr Staat zu wollen. „Freiheit und Verantwortung“ sind zu anstrengend. 

Ein übles, postdemokratisches Phänomen befällt damit das Land: Denn die Bevormunder einst und jetzt sortieren in gut und böse. In Quer-Denker, Volksverräter, Rassisten, Verschwörungstheoretiker, Wutbürger, Putin-Versteher, Corona-Leugner, na, Sie wissen schon.

Darum macht mir dieses Deutschland wieder Angst.


Friedens- Bomben

Mai 2022

 

Ja, ich mag die Amerikaner! Sicher nicht alle, – aber natürlich meine amerikanischen Freunde. Das sind irgendwie coole Typen. Und ihrer Regierung, das Weiße Haus gemeinsam mit Pentagon und CIA, ist es seit dem zweiten Weltkrieg gelungen, eine unangefochtene Weltmacht zu sein. Keine Volkswirtschaft ist größer, kein Verteidigungshaushalt auf der Welt ist gewaltiger, sie dominieren die NATO.

Fahren wir ins Silicon-Valley, stoßen wir auf brillante Technologien und gigantisch mächtige Unternehmen – mit einem faszinierenden Marketing. Google, Apple, Facebook, Twitter, Microsoft, Amazon ist es gelungen, sämtliche Zukunftsmärkte zu erobern. Auch hier sind sie Weltmacht.

Es gibt Beobachter, die erklären uns, für den Erfolg seien die 530 US-Milliardäre mit ihren hervorragenden Netzwerken verantwortlich, quasi die netten Oligarchen. Auch ihre hegemonialen Weltmacht-Interessen haben meine US-Freunde konsequent durchgesetzt. Sie haben dazu seit 1945 die meisten Kriege begonnen und geführt. Infolge dessen, so die Friedensforschung, haben in Vietnam, Afghanistan, Irak, Libyen usw. zusammen 2.3 Millionen Menschen ihr Leben verloren. 

Putin dagegen sei sehr, sehr böse, lese und höre ich überall, er führe einen brutalen Krieg, um die Größe des alten Zarenreichs zurückzuerobern. Und dazu gehörten lange Polen und die Ukraine. Auch Napoleon mit seinem brutal-sinnlosen Russland-Feldzug konnte da nichts ändern. Er hinterließ nur Tote, – sonst nichts. Kurt Tucholsky hatte 1931 in Berlin geschrieben: „Soldaten sind Mörder!“ Für Napoleons Truppen in Russland stimmte das.

Auch für die russischen Soldaten in der Ukraine gilt das. Aber nun soll der Frieden – mit schweren Waffen und guten Soldaten zurückgebombt werden. Doch nicht nur das. Teils bleibt mir der Atem stehen, wenn ich erlebe, wie geneigte Medienleute wieder über neue Kriegs-„helden“ fabulieren. Frieden schaffen ohne Waffen!, hatte ich von der Friedensbewegung gelernt. Anders die veröffentlichte Meinung. Sogar das Inferno „3. Weltkrieg“, also ein Atomkrieg, ist für einige zu einer echten Option geworden. Berlin oder Hamburg würde es dann schlimmer ergehen als Mariupol und seinen Menschen. Schutt, Asche und provisorische Gräber. Doch der Aufruf zum Frieden wird aktuell zum Verrat an der Freiheit der Ukraine umgedeutet.

Ich persönlich habe große Angst vor dieser Blitzwende. Gab es sie doch 1933 schon einmal. Ganz plötzlich war in Deutschland alles anders. Und zahllose Wendehälse ganz vorne weg. Es ist Zeit, für diese Leute den Applaus einzustellen.

Die aktuellen Mutationen ehemaliger grüner Kriegsdienstverweigerer zu Rüstungs-Lobbyisten gehen mir zu schnell. Und wer hatte eigentlich Interesse an diesem Konflikt mit Russland, einem Konflikt ohne Gewinner? Wir, mit Nordstream II?

Jetzt sollen wir nicht nur Putin hassen, sondern auch Russen und russische Künstler schikanieren. Ja, wir hatten uns vom russischem Gas abhängig gemacht. Wie von amerikanischen Technologien. Unsere Teens würde eingehen ohne Instagram. Stehen wir etwa zwischen den Fronten von Russland als Nachbarn und den USA? Unser ehemaliger Bürgermeister Klaus von Dohnányi fragt in seinem aktuellen Buch „Nationale Interessen“ immer wieder: Was sind die amerikanischen Interessen in Europa? „Liebe amerikanische Freunde, lasst das zündeln in Europa“, lese ich in einer Petition der Friedensbewegung. Frieden lässt sich nicht herbei bomben.

Unser Leben und unsere Zukunft sind in höchste Gefahr.


Da draußen

Dez 2021

Vor genau 100 Jahren wurde der Schriftsteller Wolfgang Borchert in Eppendorf geboren. Schon 26 Jahre später, im November 1947, hat er unsere Welt wieder verlassen.

Was uns von ihm blieb, heißt „Draußen vor der Tür“. Ein Theaterstück mit dem Untertitel „Ein Stück, das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will.“ Es wurde ein Welterfolg. Wir Hamburger haben es alle gelesen oder gesehen.

Und darüber hinaus tragen wir alle das Schicksal des Beckmann in uns, jenes jungen Unteroffiziers, Kriegsheimkehrers – innerlich gebrochen und mit zerschossenem Knie – der aus Sibirien ins völlig und rücksichtslos zerbombte Hamburg zurückkehrt.

In unserem heutigen Sprachgebrauch ist er einer von Millionen schwerst traumatisierten Männern, denen der Krieg ihre Jugend, ihre Identität und ihre Gesundheit nahm. Neben allen Entbehrungen lud man ihnen auch noch die Kriegsschuld auf. Wir sind ihre Kinder und Enkel. Denn blieben jene Männer am Leben, im Gegensatz zu Wolfgang Borchert selbst, zeugten sie unsere Generation Deutsche. 

Die junge und aktuelle Wissenschaft der „Epigenetik“ forscht am Erbgut von Menschen und Tieren. Und sie fand heraus, dass sich ein Teil unseres Erbgutes durch unsere Erfahrungen verändert. Gut oder schlecht. Es ist wissenschaftlich noch etwas früh, um sicher zu sagen, wie die beschriebenen und einschneidenden Ereignisse das deutsche Erbgut veränderten. 

Man kann also annehmen, dass eben jenes Elend, das der Eppendorfer Lehrersohn Wolfgang Borchert in seinem Stück beschreibt, bis heute in unseren Genen steckt. Haben wir alle etwas abbekommen? Beckmann selbst entscheidet sich verzweifelt für den Freitod. Die Figur „Der Andere“ in seinem Stück ist der Optimist, der jeweils anders Denkende. Nimmt Borchert schon früh eine tief gespaltene deutsche Gesellschaft vorweg?

Und beschreibt er bereits in seinen wenigen Figuren den deutschen Alltag 2021, wie jenen Medienmann (Kabarett-Direktor), der die Menschen vor der Wahrheit beschützen möchte und Mainstream-Entertainment empfiehlt?

Oder können wir Borchert entnehmen, das unsere Generation eben nicht nur von Tätern abstammt – sondern auch von Opfern? Oder fordert er uns auf zur Reflexion, zwischen dem gebrochenen Beckmann und dem „Herrn Oberst“, dem Kriegsgewinnler, dem nichts Hinzulernenden, dem Deutschen Angepassten, Ja-Sager, Stehaufmännchen.

 

Hatte Borchert schon eine Versöhnung zwischen den Generationen und gesellschaftlichen Gruppen im Kopf? Jene Versöhnung, die derzeit mit Füßen getreten wird. Ausgerechnet von eben jenen, die sich auf der moralisch richtigen Seite wähnen – die sich eingerichtet haben im Staat, wie der Herr Oberst in Draußen vor der Tür. Nein, es ist keine Nachkriegszeit, die wir derzeit erleben. Aber irgendwie ist uns unsere vermeintliche Sicherheit und das Vertrauen mehr und mehr verloren gegangen.

„Gib doch Antwort! Warum gibt denn keiner Antwort?“, ruft Beckmann verzweifelt. Damit endet das Drama Draußen vor der Tür… *)

Und wo sind die Antworten heute? Niemals zuvor im Nachkriegsdeutschland war die Ratlosigkeit so groß. 

„Wo sind die Antworten?“, hätte der Hamburger Jung heute wieder gefragt. 

 

Wolfgang Borchert starb übrigens einen Tag vor der Uraufführung seines Stücks in den KAMMERSPIELEN. 


Glückwunsch Ole

29. Februar 2008

Es gilt unter vornehmen Hamburgern als unfein nachzutreten. Wer jetzt noch einmal mit „Stammel-Naumann“ feixt, bezogen auf den Hyper-Stress-Aussetzer des SPD-Kandidaten – der rühmt sich dafür, ein super Wahlergebnis eingefahren zu haben, was noch weit höher ausgefallen wäre. Wäre!

Hätte nicht der SPD-Problem-Bär Kurt Beck so furchtbare Sachen zu möglichen Rot-Rot-Allianzen an einem völlig falschen Tag gesagt. Ein paar Tage hätte er bitte noch warten können – bis zum Schließen der Hamburger Wahllokale wenigstens. Für diese Tage hätte die SPD dann noch glaubwürdig gewirkt und weitere Stimmen der Gutgläubigen einfahren können. War der Mann zu ehrlich?

Wie viel Ehrlichkeit wäre nötig gewesen, um die vielen Nicht-Wähler vom Sonntag wieder an die Urnen zurückzubringen? Einer ihrer Vorwürfe: Unglaubwürdigkeit der Politik. Und Ole? So mancher hatte gezweifelt, ob der Wahlkampf „In guten Händen“ ausreichen würde, um zu gewinnen. War er zu nett, zu wenig angriffslustig? War der Weg richtig: keine heiligen Schwüre zu gewissen Koalitionen? Ja, er war hanseatisch und die bürgerliche Mitte der Hanseaten mag das. Es ist eine besondere Tugend und ein Stück guten Vorbildes, so miteinander umzugehen. Ebenfalls ein Beispiel für den Umgang in der Politik, auf der Straße, in den Unternehmen, in unserer Gesellschaft überhaupt. Es macht mir Spaß, wenn wir einfach nett und nicht polternd und viel versprechend Politik machen. Ohne Ausländerhetze, ohne Krawall und Verunglimpfungen, ohne die Stadt schlecht zu reden. Das schafft Beliebtheit – nein, das ist ein guter Weg! Jetzt Schwarz-Grün! Und die Elbvertiefung? Die GAL wird noch einmal schauen müssen, ob es tatsächlich die nachhaltigste Lösung zur Verbesserung der Ökologie in Europa ist, Hamburg von den größeren Container-Pötten abzuschneiden und ausgerechnet den Holländern mit dem Ausbau von Rotterdam den „ökologischen Erneuerungsprozess“ zu überlassen. Da lohnt es sich noch einmal nachzudenken. (So würde das auch die SPD in einem Rot-Rot-Grün-Bündnis fordern.) Das Alstertal und die Walddörfer sind übrigens Oles größter Fanpark! Kein einziger Hamburger Wahlkreis hat sich so deutlich für ihn entschieden wie wir in Hamburgs schönem Norden! Wir mögen eine freundliche, faire, ehrliche hanseatische Art verbunden mit wirtschaftlichen Erfolg – wunderbar! Den Damen und Herren der FDP sei dieser Weg auch anempfohlen: Wir – eigentlich liberalen – Hamburger mögen nicht, wenn man sich über Jahre immer wieder personell zerfetzt und Landesvorstände in offener Feindschaft zerbrechen. Keiner will in so einer Firma arbeiten, in so einer Familie leben, so einer Partei vertrauen! Es ist nicht der kluge hanseatische Weg! Kontinuität und das etwas belächelte „Einfach nett“ ist erfolgreich. Guten Umgang pflegen – überall! Natürlich wollen wir auch eine politische Streitkultur! Aber die sokratische Streitkultur, mit klugen Worten und guten Ideen wetteifern um den besseren gesellschaftlichen Weg! 

Ich konnte in buddhistischen Klöstern in großer Achtsamkeit und Freundlichkeit verweilen und den Genuss eines sanfteren und friedlicheren Umgangs miteinander erleben. Ole hat es geschafft, das auch in Politik und Gesellschaft als erfolgreichen Weg vorzuleben. Und dafür sage ich: Glückwunsch Ole!


Übertrieben gehandelt

April 2020

 

Eines wird im Verlauf der Krise immer klarer: Die wichtigsten politischen Entscheidungen wurden von Leuten mit festen Einkommen getroffen, von unkündbaren Spitzenbeamten, festangestellten Virologen, Politikern ohne Unternehmensverantwortung. Ziel sei es – dem Vernehmen nach – einen Ausgleich zu schaffen zwischen dem Eingreifen in persönliche Freiheitsrechte, dem Sterben von Unternehmen und dem Versterben von Menschen mit problematischen Vorerkrankungen. Doch war das alles unverhältnismäßig? Glücklicherweise bestätigt sich immer deutlicher: Kaum jemand, so die Erkenntnisse einer Gruppe von Wissenschaftlern, stirbt direkt am Coronavirus. Corona selbst ist pauschal gesagt nicht tödlich, so wenig wie die Grippe. Das betrifft auch die geschätzten knapp 25.000 Influenza-Toten aus dem Winter 2018/19. 

Der bekannte Leiter der Rechtsmedizin am Universitätsklinikums Eppendorf hat mit seinem Statement für Aufsehen gesorgt. Denn seine Erkenntnisse wollen irgendwie nicht ins Bild passen. Alle angeblich an SARS-CoV-2 Verstorbenen, die die Rechtsmedizin in Hamburg untersucht hat, „haben zuvor an bestehenden schwerwiegenden inneren Erkrankungen gelitten. Zumindest hier in Hamburg seien keineswegs zuvor völlig gesunde Personen betroffen gewesen.“ Soweit Prof. Dr. Püschel. Ferner sagte er voraus, dass sich die Corona-Sterblichkeit nicht mal als Peak in der Jahressterblichkeit bemerkbar machen wird. Das will bisher, verständlicherweise, kaum jemand in der Politik bestätigen. Denn bei etwa 945.000 Menschen, die jährlich in Deutschland versterben, waren es durch die Corona-Pandemie bisher circa 4.000. Und eben diese Zahl, siehe oben, wird wissenschaftlich auch noch angezweifelt: Starben sie mit – oder an dem Virus? Aber jetzt kommt der Hammer: Allein in Deutschland sterben rund 120.000 Menschen an den Folgen des Rauchens – darunter 3000 Passivraucher (Quelle: WHO, Genf). Absurd dazu: Zigarettenwerbung ist in Deutschland noch immer erlaubt, besonders gerne gesehen im staatlichen Personen-Nahverkehr (auf Bahnhöfen, an Haltestellen)! 

War und ist es also verhältnismäßig, was man mit uns gemacht hat? Aus Sicht der Wirtschaft ganz bestimmt nicht. Natürlich wird jeder bestätigen: Jedes einzelne Menschenleben ist ein Geschenk der Schöpfung und nicht verhandelbar! Stimmt! Ausgenommen sind nur die 120.000 Rauchertoten, oder die 3.000 jährlichen Verkehrstoten auf unseren Straßen. Wir können doch nicht plötzlich den ganzen Verkehr lahmlegen!

Ich bringe mich gerade in die Gefahr, Menschenleben gegeneinander aufzurechnen. Ist ein Raucher etwa weniger Wert als ein Corona-Kranker? Gibt es zweierlei Maß? Diese Überlegungen sind unbequem, nicht Mainstream. Aber davon haben Sie an anderer Stelle schon genug gelesen!

Viele unbequemen Fragen werden uns auch nach der Covid-2-Krise erhalten bleiben. Warum erkranken zunehmend Frauen an Brustkrebs? Etwa 69.000 Mammakarzinom-Diagnosen gibt es in Deutschland, über 17.850 Frauen sterben jährlich daran. Politik, Gesellschaft und Medien haben sich längst daran gewöhnt. Ein „Brennpunkt“ wegen 120.000 Rauchertoten? Langweilig!

Da ist Corona viele aufregender! Möglicherweise wird der Umgang mit SARS-CoV-2 als der unverhältnismäßigste Aktionismus in die Zeit-Geschichte eingehen. Natürlich wird man von offizieller Seite sagen, eben weil wir so „über“-reagiert haben, sei es so glimpflich verlaufen. 

Doch der gesellschaftliche Schaden ist noch gar nicht ausgemacht. Und die ganze Wahrheit noch lange nicht auf dem Tisch!


Schlechtes Klima

Januar 2020

 

Klima, Klima, Klima! Das Thema hat alles andere verdrängt! Ob Journalist oder Anonymus in den deutschen Kommentarspalten, das Überleben der Menschheit steht überall zur Diskussion. Und alles hat erneut seine deutsche Ordnung, die Migrations-Debatte lässt grüßen! Hier die Guten, Klima- und Weltenretter, CO2-Aktivisten, Verzicht-Plädierer, die Links-grün-urban-Intellektuellen, dort die Fiesen, mit den dicken Autos, Plastikstrohhalmen, die von-Menschen-gemachtem-Klimawandel-Zweifler, in-Urlaub-Flieger, AfD-ler. Seit Monaten schon stehen sie am moralischen Pranger.

Auch die politische Debatte ist vom Thema „Climate-Change“ und Decarbonisierung geprägt. In atemberaubender Geschwindigkeit ist auch der Hamburger Wahlkampf in den Klima-Modus geraten. Hier die Guten, sich-Sorgen-Macher, die „Ich-will-dass-ihr-in-Panik-geratet“, Wahlkampf im Panik-Modus. Wer die besseren Hamburger sind, steht heute schon fest, nur ob jene auch die politische Mehrheit bekommen, ist noch nicht klar. Denn genau ihre Panik macht anderen Angst. Können die Hamburger-SUV-Hasser tatsächlich das Weltklima retten?

Längst ist die Klima-Frage vermischt mit Umverteilungs-Phantasien und deutschen Sozialneid-Debatten. Besser ausgedrückt: Statt Turbokapitalismus sollen wir in die sozial-ökologische Marktwirtschaft surfen, auf der Riesenwelle CO2-Reduktion.

Ich gestehe, vor Kurzem eine Reihe von Gesprächen in Asien geführt zu haben. Ja, ich bin da hin“geflogen“ und sprach mit meinen chinesischen Freunden über meine Flugscham. Sie kannten das Wort nicht, wussten es nicht einzuordnen und berichteten dafür stolz, dass ihr Land bis 2035 sagenhafte 216 neue Flughäfen eröffnen wird. Ähh, wie bitte?

Auch meine Freunde in Südostasien kannten den Begriff Climate-Change nicht wirklich. Sie sind stolz, ein wenig unseres Wohlstandes erreicht zu haben – und wollen weiter Gas geben, dass es ihre Kinder einmal besser haben. Ich habe ihnen geantwortet, „How-dar-you“, „Your-house-is-on-fire“ und das sie in Panik geraten müssten, genauso, wie meine Links-grün-intellektuellen Freunde in Hamburg auch. Denn sie, und die Liste von 10.000 Wissenschaftlern, wüssten es nun wirklich besser. Um meinen Ost-Asien-Bericht abzukürzen: Ich konnte sie leider von den Ideen unserer Katharina Fegebank nicht überzeugen und dachte: Es müssten zeitnah noch 7,5 Milliarden Menschen überzeugt werden. Denn CO2 ist ein vor allem globales Thema.

Was ist aber, sollten die – gerne mal angezweifelten – Berechnungen der Klimawissenschaft stimmen? Also der Anteil der wechselnden Sonnenaktivitäten sowie natürlichen Klimaschwankungen kaum eine Rolle spielen und der Mensch, mit seiner Rattenplagen-ähnlichen Ausbreitung mit bald 10 Milliarden auf unserem Planeten, der Verursacher sein? Uups?

Es ginge dann nur über technologischen Fortschritt und nicht über Wohlstands- oder Wachstums-Verzicht. Und sollte die hier so beliebte Sozialneid-Debatte (Flüge, SUV, Kreuzfahrten, pfui!) als Muster für die Klimadebatte in die Welt getragen werden, werden wir schneller als gedacht die Vier-Grad-Marke überschreiten…  


Die  Nachwehen

Oktober 2017

Nachdem die Volksparteien an einem einzigen Sonntag quasi ihr Volk verloren, fragen sie sich plötzlich: Ähhh, was ist da passiert? Und die Antwort fällt ihnen nicht leicht, hatten sie sich doch mit ihrem „Berliner Raumschiff“ so weit von uns normalen Menschen entfernt, dass sie tatsächlich nicht verstehen können, was ihnen widerfahren ist. Als ich im Wahlkampf mit Hamburger Politprofis diskutierte und prognostizierte, die SPD könne mit Martin Schulz sogar auf 20 Prozent sacken, nahmen sie mich als Gesprächspartner einfach nicht mehr ernst. 

Mir dagegen verrieten zahllose Menschen, dass sie auf die „Groko“ – Entschuldigung – keinen Bock mehr hätten. 

Jetzt geht es an die Ursachenforschung. Und siehe da: Auch „die Medien“ geraten ins Visier. Jedenfalls jene, die zynisch-kritische Zeitgenossen als „Kriechermedien“ bezeichnen. Schon geistern Vergleiche zwischen Tagesschau und „Aktueller Kamera“ der alten DDR durch die Köpfe. Hamburgs „Sturmgeschütz der Demokratie“, der SPIEGEL, druckte aktuell eine wenig schmeichelhafte Geschichte über unser „Staatsfernsehen“. Gemeint ist das quasi „steuerfinanzierte“ Rundfunk- und Fernsehsystem von ARD, ZDF und DLF. Welchen Anteil haben sie an der nun starken AfD? Wer bitte hat aus uns normalen Bundesbürgern und Wählern, verwirrte Rechtsradikale, Nazis, Fremdenhasser, Angsthasen und ewig gestrige AfD-Wähler gemacht? Wenn es die Kanzlerin oder Alt-Parteien nicht gewesen sein wollen. Sie haben – das ist nachzulesen – alles richtig gemacht und würden es – so die Kanzlerin – alles genauso wieder machen. Uns ginge es „so gut wie nie“, sagte Merkel im Wahlkampf. 

Eine Fehleinschätzung. Hätte sie und ihre „Eliten“, die das Volk höchstens mal als brave Talkshow-Claqueure erleben, genauer hingehört und mit den normalen Leuten und ihren hunderttausenden Coaches, Therapeuten, Ärzten und Betreuern gesprochenen, die die täglichen Befindlichkeiten hautnah erleben, wäre das nicht passiert. Denn so leicht und wunderbar ist es eben für viele gar nicht – nein, für fast keinen. 

Wenn das Land seinen Bürgern außer dem „Hamsterrad des Geldverdienens“ und einem „Mehr, mehr, mehr“ kaum noch einen Sinn gibt, macht sie der tägliche Stress krank. Wenn Menschen ihre Zukunft in einem „entfremdeten“ Land sehen, und viele – insbesondere Frauen – sich zunehmend unsicherer fühlen, Opfer eines Vergehens oder Verbrechens zu werden, schafft das kein Vertrauen in die Politik. 

Immer wenn ich die Möglichkeit habe, mit Ärzten, Therapeuten oder Lebensberatern zu sprechen, klagen die mir, es gebe zu viele psycho-somatisch Kranke bei uns. Nicht nur die Angst vor immer mehr „Ausländern“, auch die Erkenntnis, trotz nahezu Vollbeschäftigung keinen sicheren Job fürs Leben zu haben und keine sichere Rente, fühlen sich mies an!

Wir müssen also – so merkwürdig sich das für einen Berliner Politiker anfühlen mag – umsteuern. Feststellen und anerkennen, dass sich die Menschen nicht mehr „sauwohl“ fühlen in diesem Land.

Aber solange die Wirtschaftszahlen und Steuereinnahmen stimmen, tun sie das als „grundloses Gejammer“ oder „klagen auf hohem Niveau“ ab. Wundern sich aber über herbe Wahlverluste. 

Unser Leben ist viel viel mehr – als „Exportweltmeister“ zu sein! Oder das Merkel Kanzlerin bleibt! 

Solange aber aus Berlin kein Sinneswandel zu spüren ist, wird der aus uns heraus entstehen, und dann per Stimmzettel seinen Ausdruck finden.


Unser Dilemma

Juli 2017

Die Hamburger Chaos-Tage haben uns erneut das Dilemma unseres Rechtsstaates vor Augen geführt. Das übliche Nachspiel solcher negativer Ereignisse: „Die Verantwortlichen schieben die Schuld erstmal auf andere!“ Nach vielen Details bleibt eine tiefgreifendere Frage: Ist es überhaupt möglich, in einer offenen-toleranten Gesellschaft wie der unseren, Veranstaltungen dieser Dimension noch durchzuführen?

Nahezu alle in unserem Land verfügbaren Polizeikräfte wurden zum G20 nach Hamburg beordert, trotzdem konnten sie den Mob nicht bändigen. Wenn die vermeintlich verhasstesten Politiker der Welt, darunter Trump, Putin und Erdogan, sich an einem Ort wie Hamburg treffen, scheinen Wut und Kritik grenzenlos – und grenzenloser Hass macht sich breit. 

Gegen den Hass! Klar! Wie oft haben wir diesen Satz lesen müssen – und nun hat er seine hässliche Fratze erneut gezeigt. Ausgerechnet jene, an die diese Botschaft eigentlich gar nicht adressiert war, zerstören mit Hass, Testosteron, Dummheit und Hybris viel mehr als nur Autos und Glasscheiben. 

Und wir stehen empört davor: Warum sind unsere Sicherheitskräfte nicht in der Lage, uns vor diesem Mob zu schützen? Ich denke, wir könnten es. Genauso, wie zahlreiche andere Länder der Welt solche Demonstrationen niemals zuließen, könnten auch wir es unterbinden. Mit einer robusten Polizei, weitreichenden Geheimdiensten und einem restriktivem Versammlungsrecht, könnten wir den gesamten Spuk schon im Keim ersticken. Doch eben genau das wollen wir nicht. Haben doch gerade wir Deutschen mit dieser Form staatlicher Gewalt üble Erfahrungen machen müssen: im Nationalsozialismus mit der Gestapo und anschließend in Erich Mielkes Stasi-Deutschland, wo jede Art von Widerstand brutalst unterdrückte wurde.

Auf der anderen Seite hat es nie gereicht, ein paar freundliche Pappschilder hochzuhalten, um große gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen. Die Anführer in Paris 1789 haben statt „Kreativer Tanz-Performance-Proteste“ die Guillotine aufgestellt, um sich von ihren Unterdrückern in Aristrokratie und Totalitarismus zu befreien. Und möglicherweise wäre die Bundesrepublik mit Kernkraftwerken zugepflastert worden, hätten nicht einige Gewalt gegen Sachen, z.B. Bauzäune, walten lassen. Eine verbissen pro-nukleare Energie-Politik wäre mit ein paar netten Transparenten „Atomkraft? – Nein Danke“ nicht zu beeindrucken gewesen. Die Frage der Legitimität von Gewalt ist historisch verdammt vertrackt.

Das weitere Dilemma: Heute haben viele „Gewaltbereite“ gar kein Interesse an einem gesellschaftlichen Wandel, etwa für mehr Nachhaltigkeit oder Korrekturen am globalisierten Turbokapitalismus. Sie missbrauchen lediglich unseren Artikel 8 zur Versammlungsfreiheit, um ihrem Hass und perfiden Gewaltexzessen eine Arena zu schaffen. Hirnlos wie Hooligans.

Sollen wir nun bestimmte Freiheitsrechte gesetzlich einschränken? 

Bisher reisen Straftäter quer durch Europa, die wir allerdings erst festnehmen können, wenn es zu spät ist, also nach begangener Straftat. Das ist eine perfide Logik: die Gewalttäter nutzen unsere freie Gesellschaft, um genau dieser Freiheit zu schaden. Und das macht mich wütend.

Und es ist fatal. Nicht nur Innen- und Sicherheitspolitisch, sondern auch in seiner außenpolitischen Wirkung. Müssen wir doch gegenüber Schurken-Regierungen eingestehen, dass unsere liberale, freiheitlich-tolerante Gesellschaft nicht in der Lage ist, ihre Bürger vor Gewalt zu schützen. Angesichts dieser Aspekte müsste man zusammenfassen: Es war falsch, den G20 in Hamburg stattfinden zu lassen. Aber keiner will das zugeben.



In einem Gespräch mit dem ALSTER MAGAZIN erzähle ich über die Entstehung der Magazine und warum ich sie in jüngere Hände übergeben habe. Ich konnte einfach loslassen.

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